Das Scheitern der modernen Atomenergie

Kernkraftwerk Brokdorf So gab kürzlich der AKW-Hersteller Hitachi bekannt, Planung und Bau von zwei Reaktoren auf dem Gelände des AKW Wylfa in Großbritannien aufgrund steigender Kosten und Differenzen über die Höhe von Subventionen mit der britischen Regierung nicht weiter zu verfolgen. Infolgedessen hat der Hitachi-Konzern auch alle weiteren Planungen für unwirtschaftliche AKW-Neubauten gestoppt und zum 31. März 2019 rund 300 Milliarden Yen (2,4 Milliarden Euro) an vergeblichen Aufwendungen seiner Nuklearsparte abgeschrieben.


Nicht viel besser ergeht es dem französischem AKW-Hersteller Areva, der nach turbulenten Jahren inzwischen zum Orano-Konzern gehört. Die Fertigstellung der Baustelle eines European Pressurized Water Reactors (EPR) im finnischen Olkiluoto ist nach einer Reihe von Pleiten, Pech und Pannen inzwischen zwar abgeschlossen, mit einer Aufnahme des Leistungsbetriebs wird jedoch erst im kommenden Jahr gerechnet. Mit gut 11 Jahren Verspätung wäre das von Baumängeln wie minderwertigem Beton im Sicherheitsbereich geplante Projekt dann zwar noch vor dem Flughafen "BER" fertig – aber der hat auch erst gut 7 Jahre Verspätung. Mit Blick auf die Kosten haben sich der finnische Atomstromkonzern TVO und der Atomkonzern Areva nach jahrelangem Streit inzwischen hinter verschlossenen Türen geeinigt. Den letzten bekannten Zahlen zu Folge, soll das neue Atomkraftwerk schlüsselfertig statt 3,3 Milliarden Euro rund 8,5 Milliarden Euro kosten. Den Großteil der Mehrkosten soll dem Vernehmen nach von Areva getragen werden. Darüber hinaus muss Areva 450 Millionen Euro Entschädigung an TVO für die verspätete Fertigstellung zahlen.


Doch auch im französischen Flamanville verzögert sich die Fertigstellung eines Areva-EPR und wird jetzt nicht mehr für dieses Jahr, sondern im kommenden Jahr erwartet. Die Kosten dieses Bauvorhabens sind von einstmals veranschlagten 4 Milliarden Euro auf inzwischen 10,9 Milliarden Euro explodiert. Auch diese Kostensteigerung muss der AKW-Hersteller zu einem großen Teil selbst tragen und wäre daran beinahe zu Grunde gegangen. So erging es bereits dem eigentlich für seine Elektronikprodukte bekannten Toshiba-Konzern, der seit 2017 aufgrund der Verluste seiner Nuklearsparte (ehemals "Westinghouse Nuclear") insolvent ist.


Damit angesichts dieses Risikos überhaupt mit dem Bau der zwei weiteren EPR "Hinkley Point C" in Großbritannien im Jahr 2017 begonnen werden konnte, musste die britische Regierung dem künftigen AKW-Betreiber eine staatliche Förderung von umgerechnet rund 10,9 Cent/kWh für jede erzeugte Kilowattstunde plus Inflationsausgleich über 35 Jahre zusagen. Schätzungen taxieren die Gesamtsumme dieser Beihilfe auf 70 bis 110 Milliarden Euro. Ob dabei zumindest dieser EPR-Bau, anders als die beiden Meiler in Flamanville und Olkiluoto, im veranschlagten Budget von rund 19 Milliarden Euro bleibt, darf bezweifelt werden. Aus diesem Grund musste das Vereinigte Königreich unabhängig von der garantierten Stromvergütung für die Kredite zum Bau der Reaktoren eine Bürgschaft über rund 20 Milliarden Euro ausstellen.


Angesichts der Tatsache, dass sich alle vier Bauprojekte für neue Atomkraftwerke in Europa als Milliardengräber für Stromkunden und Steuerzahler erwiesen haben und der Strom aus AKW inzwischen deutlich teurer als Wind-, Sonnen sowie KWK-Strom ist, verwundert es nicht, dass der weltweite Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugungsleistung stagniert. Während Photovoltaik und Windenergie weltweit um 35 beziehungsweise 17 Prozent zulegen konnten, stieg die Erzeugungsleistung der Kernenergie im Betrachtungszeitraum einer neuen Studie nur um rund 1 Prozent. Und das obwohl in Russland zwei und in China sieben neue Reaktoren ans Netz gingen. Diese Zahlen gehen aus dem 289 Seiten starken World Nuclear Industry Status Report 2018 (WNISR) hervor. 3f68486b927a489894766756709186bb

    Kommentare 2

    • Das mag ja alles Richtig sein, dennoch hielte ich es für den Klimaschutz wichtiger, erst aus der Kohle auszusteigen und dann aus der Atomenergie. Der deutsche Weg in der Energiepolitik zuerst aus der Atomenergie 2022 und bis 2038 aus der Kohle auszusteigen halte ich für falsch. Andersherum fände ich das besser, insbesondere wenn in einigen Jahren Millionen von E Autos mit Kohlestrom fahren........


      Ich wünsche Euch allen ein sonniges und entspanntes Wochenende!


      Bernigo

      • Sehe ich grundsätzlich genau so. Natürlich wäre es unter Klima-Gesichtspunkten gescheiter gewesen, bis 2022 aus der Braunkohle auszusteigen (was aus der Perspektive 2010 durchaus möglich gewesen wäre, wenn man sofort angefangen hätte) und anschließend beispielsweise bis 2038 aus der Kernenergie. Aber der Schuss ist aus zwei Gründen 'raus:


        Erstens wäre ein Weiterbetrieb der verbliebenen KKW m.E. politisch nicht durchsetzbar. Die Leute haben nun mal (mit Ausnahme von Greta Thunberg) mehr Angst vor der Kernkraft als vor dem Klimawandel, egal ob das rational ist oder nicht.


        Zweitens ist auch ein schnellerer Ausstieg v.a. aus der Braunkohle m.E. politisch nicht durchsetzbar, weil die Lobby gegen eine solche Maßnahme (RWE, NRW-Kommunen, östliche Bundesländer etc.) viel zu stark ist. Man sehe sich nur mal an, was für ein Wahnsinnsgeld dieser sterbenden Technologie jetzt noch bis 2038 auf Steuerzahlers Kosten hinterher geworfen werden soll.


        Übrigens glaube ich aus genau diesen Gründen nicht, dass die Alternative Kohle- vs. Kernkraftausstieg vor zehn Jahren überhaupt bestand. Als Schwarz/Gelb seinerzeit (vor Fukushima) die Laufzeitverlängerung für KKW beschloss, hätte man mit dem so im Vergleich zum rot/grünen Ausstiegsplan gewonnenen zusätzlichen KKW-Grundlaststrom ohne weiteres bis 2022 aus der Braunkohle aussteigen können. Wenn man das denn gewollt hätte. Aber Schwarz/Gelb (bzw. die dahinter stehende Lobby) dachten da nicht mal dran (das habe ich z.B. vom seinerzeitigen Umweltminister Röttgen auf einer Tagung selbst gehört), und die damalige Opposition erst recht nicht. Der Politik war das Wohlergehen der Kohle-Aktionäre und die Arbeitsplätze in den Revieren wichtiger als das Klima, und das hat sich bis heute nicht geändert.