Energiekonzept für KfW55 bei 50er-Jahre Mehrfamilienhaus?

  • Hallo zusammen!


    Mit grossem Interesse habe ich die fundierten Dikussionen hier im Forum verfolgt und schon viel gelernt. Zumindest hat das Gelernte ausgereicht um zu dem Schluss zu kommen, dass ich fuer mein Vorhaben mehr Erfahrung fuer die "modernen" Themen brauche, als ich von den bisher angefragten Firmen bekommen kann. ;-)


    Daher greife ich die Anregung von sailor773 auf, hier doch einmal die Gegebenheiten zu schildern in der Hoffnung auf Anregungen und Impulse, die mir bei der Sanierungsplanung helfen. Zusaetzlich fuege ich den vorlaeufigen Bericht des Energieberaters bei.


    Immobilie und Rahmendaten

    Es handelt sich um ein kleines MFH mit derzeit 2 grossen Wohnungen (je 100qm) und 2 kleinen Wohnungen (je 35 qm) von 1950, das bisher nur aus EG, 1. OG und Dachgeschoss besteht. Derzeit wohnen im Haus gesamt 5 Erwachsene + 4 Kinder.

    Das Haus soll jedoch naechstes Jahr aufgestockt werden und die grossen Wohnungen geteilt werden. Nach Abschluss der Arbeiten haette man dann:

    8 Wohnungen je 50qm mit durchschnittlicher Belegung von wohl 1,5 Personen, gesamt also 12 Personen.


    Beheizte Fläche, Anzahl Bewohner: heute 300qm, 9 Personen // nach Sanierung 400qm, 12 Personen

    Art und Baujahr der Immobilie: MFH, 1950

    Erfolgte Modernisierungen: Heute Kunststofffenster mit Doppelverglasung aus Ende der 1980er Jahre

    Weitere geplante Modernisierungen: Waermedaemm-System an der Fassade und vorhandener Kellerdecke. Neue Fenster, Aufstockung um ein Geschoss (s.o.).

    Zweiter Abgasstrang für BHKW frei: ja, koennte in alten bereits stillgelegten Kaminschaechten gefuehrt werden

    Erdgasanschluss vorhanden oder möglich: ja

    Zusammenschluss von Nachbarhäusern möglich: nein


    Verbrauchsdaten

    Jährlicher Stromverbrauch: die tatsaechlichen Abrechnung der Mieter liegen mir nicht vor, vom oertlichen Versorger habe ich nur die Werte fuer einige Vorjahre insgesamt fuer das Haus erhalten, die um 13.000 kWh schwanken. Er wies jedoch darauf hin, dass ggf. durch andere Versorger abgerechente Zaehler nicht mit in den Summe enthalten sind. Ich vermute aber, dass alle Mieter beim oertlichen Versorger sind.

    Jährlicher Brennstoffverbrauch: Fuer einen Zeitraum in 2018 vom 2.1. - 4.12. wurden 28.000 kWh berechnet, aber das muesste ja noch auf 365 Tage hochgerechnet werden. ZUSAETZLICH kommen die Stromkosten fuer den Nachtspeicherofen in der einen Wohnung (s.u.) hinzu, hier liegen mir aus Vorjahren Stromverbrauchsangaben des Versorgers von ca. 3.500 kWh vor.


    Derzeitige Heizung

    Energieträger der Heizung: Erdgas // Strom

    Alter und Typ der der Heiztechnik: Eine 35qm-Whg heute mit Nachtspeicherofen, alle anderen Wohnungen mit Radiatoren und Brennwerttherme ca. aus Jahr 2000

    Ist bereits eine Solarthermie vorhanden: nein

    Vorhandener Heizungspufferspeicher und Größe: nein

    Art der Warmwasserbereitung und Vorratsvolumen: in den Wohnungen Elektro-Durchlauferhitzer bzw. in den Kuechen Untertischgeraete

    Gibt es ein besonderes Strom-/Wärmeverbrauchsverhalten: nein

    Hydraulischer Abgleich durchgeführt: nein

    Temperaturen der Heizkreise: unbekannt

    Art der Heizkörper: "alte" Radiatoren


    Meine Grundueberlegung war: Sanierung auf KfW55-Niveau, damit Nutzung des 27,5% - Zuschusses aus Foerderprogramm 151/152. Mein Eneregieberater sagt, dass das aber nur mit Holzpelletheizung geht, was fuer mich aufgrund der Wartungsintensitaet ausscheidet (kein Hausmeister, ich wohne hunderte km entfernt). Meine grobe Idee war: Umstellung auf zentrale Warmwasser- und Heizungsversorgung. Brennstoffzelle fuer Laden des WW-Speichers, im Winter oder bei Spitzenlasten vorhandene noch funktionsfaehige Brennwert-Therme nutzen. Auf die Dachflaeche PV (es wuerden wohl so ca. 20 Module passen, aber es ist keine optimale Ausrichtung und zudem noch Flachdach), den somit erzeugten Strom zusammen mit dem Strom aus der Brennstoffzelle im Mieterstrommodell (z.B. via Polarstern-Modell) meinen Mietern anbieten.


    Insofern interessiert mich natuerlich ein Feedback, ob das in dieser Form alles ueberhaupt sinnvoll ist, bzw. welche Vorassetzungen dafuer vorliegen muessen. Am Ende ist das alles fuer mich primaer eine finanzielle Frage.


    Ich freue mich ueber jeden Hinweis! Gerne auch darauf, wie ich am besten vorgehe, um zu einem optimierten System zu kommen.


    Viele Gruesse

    felu


  • Hallo felu ,


    Anscheinend traut sich keiner an das Thema heran. Ich habe auch keine all-umfassende Patentlösung, kann aber (kostenlos und unverbindlich) ein paar Ideen äußern.

    Meine grobe Idee war: Umstellung auf zentrale Warmwasser- und Heizungsversorgung.

    Ist in jedem Fall goldrichtig. Eine Elektro-Direktheizung in einer dauerhaft genutzten Wohnung ist energetische Steinzeit und gehört – wo immer technisch möglich – abgeschafft. Bei der Warmwasserbereitung kann es Ausnahmen geben, z.B. wenn ein einzelner kleiner Verbraucher selten genutzt wird und/oder an einer sehr langen WW-Leitung hängen würde (Beispiel Waschbecken im Gästezimmer). Von solchen Ausnahmen abgesehen ist eine Umstellung auf Zentralversorgung auch beim TWW richtig.

    Brennstoffzelle fuer Laden des WW-Speichers, im Winter oder bei Spitzenlasten vorhandene noch funktionsfaehige Brennwert-Therme nutzen.

    Ob eine BZ Sinn macht, hängt vom erwarteten Strom- und Wärmeverbrauch ab.


    Zum TWW-Wärmeverbrauch: Pro Person und Tag werden nach Angaben im Internet ca. 40-80 Liter Warmwasser (40°C) pro Tag verbraucht. Das entspricht nach meiner Messung ca. 5-10 Minuten Dusche. Also ich würde alles in allem mit 80 Litern rechnen. Das wären dann ca. 2,8 kWh pro Person und Tag, bzw. bei 12 Personen ca. 33 kWh/Tag. Falls alle deine Mieter besonders sparsame Zeitgenossen sind, wäre es die Hälfte, aber bestimmt nicht weniger als 17 kWh pro Tag.


    Zum Stromverbrauch: Der Durchschnittsverbrauch pro Person und Jahr (natürlich ohne Warmwasserbereitung oder gar Strom-Direktheizung ) wird für Einpersonen-Haushalte mit 1.600 kWh/Jahr angegeben, für Zweipersonenhaushalte mit 1.250 kWh pro Person und Jahr. Die individuellen Abweichungen können gewaltig sein, aber ein Haus mit 12 Bewohnern wird wohl kaum weniger als 15.000 kWh/Jahr (41 kWh/Tag) verbrauchen.


    Und damit ist auch (unter rein technischen Gesichtspunkten) die Empfehlung eindeutig: Für dieses Haus würde ich eine BlueGen Brennstoffzelle anschaffen. Der BG 15 erzeugt pro Betriebsstunde 1,5 kWh Strom und 0,85 kWh Wärme, also 36,0 + 20,4 kWh pro Tag. Der Erdgasverbrauch liegt bei 3 kWh (Hs). Ich schätze mal, dass von den erzeugten ca. 13.000 kWh/Jahr Strom etwa drei Viertel (9.750 kWh) im Haus direkt verbraucht werden können. Eine vollständige Nutzung der Wärme ist durch den TWW-Verbrauch m.E. garantiert: Wenn ausnahmsweise mal nicht, können Überschüsse in die Heizung gehen. (Und für den Fall, dass alle Bewohner gleichzeitig in Sommerurlaub fahren:), lässt sich das Gerät auch runterregeln.)


    Man muss aber dabei berücksichtigen, dass auf den an die Mieter verkauften Strom die volle EEG-Umlage abzuführen ist. Zum (teilweisen) Ausgleich kann der Vermieter einen Zuschuss nach dem Mieterstromgesetz beantragen, aber wie das genau geht weiß ich nicht.

    Auf die Dachflaeche PV (es wuerden wohl so ca. 20 Module passen, aber es ist keine optimale Ausrichtung und zudem noch Flachdach)

    Flachdach ist doch OK: Die Module werden mit optimaler Neigung nach Süden aufgeständert. Man muss halt (wenn man mehrere Reihen aufstellt) darauf achten, dass sie sich möglichst wenig gegenseitig abschatten. Nur wenn eine Aufständerung aus architektonischen Gründen nicht geht, belegt man die unverschatteten Teile des Dachs flach. Der Nachteil ist, dass dann der Schnee nicht abrutscht und die Module wesentlich schneller verschmutzen. Und 20 Module ist in jedem Fall nicht gerade viel.


    Im Parallelbetrieb mit einer Brennstoffzelle (die eine konstante Leistung von 1,5 kW abgibt) ist Strombezug aus einer PV aber nur möglich, wenn der Stromverbrauch im Haus über 1,5 kW liegt. Meist ist das – wenn überhaupt – am Morgen und am Abend der Fall. Daher mag es sich lohnen, die PV-Anlage zumindest zum Teil Ost/Westlich auszurichten. Der durchschnittliche Jahres- und Tagesertrag geht dann zurück, aber im Sommerhalbjahr steht bis etwa 10:00h und wieder ab ca. 16:00h mehr Strom zur Verfügung als bei einer reinen Süd-Ausrichtung. In jedem Fall dürfte aber der weit überwiegende Anteil des PV-Stroms in die Einspeisung gehen (außer es würde tagsüber ein Elektroauto geladen).

    Am Ende ist das alles fuer mich primaer eine finanzielle Frage.

    Ob alles dieses mit den gängigen EnEV- und KfW-Förderrichtlinien zusammen passt, und ob es sich auch rechnet, möchte ich besser nicht beurteilen.


    Gruß, Sailor

    Viessmann Vitotwin 300-W (1 kWel, 6 kWth) seit 2012

    PV-Anlage 8,45 kWp (65 x Solarworld SW 130poly Ost/Süd/West, SMA 5000 TL und 3000) seit 2010

    Solarthermie 14 qm Flachkollektoren seit 2004 (Vorgänger 8 qm 1979-2003)